
Sonnenball 08
Zurück zu (den) Wurze(l)n
Nach einem Verschnaufer in Leipzig dessen Abendunterhaltung uns einfach mehr zusagt, als das schon merklich gelittene Hotel zur Mühle und das doch mehr als verschlafene Nest Wurzen trafen wir gegen Mittag des Samstags in welchselbigem ein, begrüßten die ersten bekannten Gesichter, noch bevor wir ganz aus dem Auto heraus waren und schleppten Kisten- und Sackweise "unverzichtbare Assesoires", wie der Graf sie nennen würde, aufs Zimmer dabei hatten wir uns diesesmal eigentlich vorgenommen, nur in der Sparausführung zu Reisen die mich dann auch dazu animierte, auf die Perücke zu verzichten ... ein fataler Fehler, wie sich im Verlauf des Abends herausstellte, konnte ich doch meinen Dreispitz praktisch nicht absetzen. :)
Wie auch in Wahn gibt es mehr Bilder hinter den Links.

Der Ball selbst stand dieses Jahr unter dem Zeichen der Musik und der Lustbarkeitem in den Gartenanlagen. Überall im Park wurde von kleinen Gruppen Musik gespielt, beim Flanieren schritt man so von einem Klangteppich in den nächsten um am Wegesrand versteckte Instrumente für eigene Musik eigenen Krach zu entdecken. Wo in den letzten Jahren die pompöse Inszenierung stattfand, galt es dieses Jahr, das Kleine, das Versteckte zu entdecken sei es das im Sonnenschein musizierende Quartet auf einer abgelegenen Wiese, die Nymphen, die sich entrückt wie man zu bemerken beliebte mit allem Vergnügten was der Graf zu bieten habe, Fabelerzählern oder viele dem antiken Griechenland entliehene Unterhaltung um Apollon zu huldigen, der wie jedes Jahr wohlwollend auf das Fest zu seinen Ehren herabblicke.

Zu fortgeschrittener Stunde, konnte man sich, so man sich die Zeit nicht mit Federballspiel, Kutschfahrten oder Bogenschießen vertreiben wollte, zu einem Gartenkonzert an einem der romantichsten Plätze des Parks einfinden und diesem Lauschen, oder dort auch mit den Damen und Herren plaudern.



Das Gartenkonzert am Teepavillion - hier noch ohne Gesang.

Apropo Damen. Wer als allein reisender Herr die Festivität besuche und sich dort in angenehmer weiblicher Gesellschaft verlustieren wollte, der fand sie in der extra dafür vom Schlossherren aufgestellten Falle in großer Zahl. Getarnt wurde diese Fall als Tisch mit ... etwas Gebäck und Schokolade.

Na gut, nicht nur eine Falle für die Damen, auch so mancher Doctore konnte nicht wiederstehen. :)
Zum anschließenden Souper, das oppulent und erstklassig wie immer war, versammelte man sich wieder an seinem Tische diesesmal war das Buffet seitlich des Schlosses aufgebaut, was nicht nur der Optik zugute kam, sondern auch den Warteschlangen, konnte man sich doch diesesmal durch verschiedene Inseln des Genusses treiben lassen, anstatt an zwei langen Tischen zu hoffen, etwas Passendes zu finden sehr schön und stressfrei. Dann war es auch schon fast Zeit, zum Tanze aufzuspielen wir ließen das Gehopse diesesmal weitestgehend ausfallen und genossen lieber den Park in der Abenddämmerung, in der die Stimmung dann nochmals ganz eigen wird.

Ein Blick vom Schloss auf die tanzende Gesellschaft. (Gibt es hier auch nochmal extragross)
Den erfahrenen SonnenballBesucher erkennt man vielfach daran, daß er unsichtbar wird, sobald es zum Programmpunkt "moderne Abendperformance" kommt ich nutze seit Jahren die Gelegenheit, mich bei einem Pfeifchen zu entspannen und den Tag Revue passieren zu lassen aber diesesmal habe ich sie mir tatsächlich angesehen. Freilich vor allem, weil es gar nicht anders ging, denn das ganze Schloss war diesesmal Kulisse und Bühne zugleich von Aussen wurden Projektionen auf die Fassade geworfen im Inneren wurde eine kleine Geschichte gespielt. Hat mir sehr gut gefallen, auch wenn man keine Rücksicht darauf nahm, daß diese Darstellungsform eben nicht historisch war ... was bei solchen Versuchen rauskommt, schreckte mich die letzten Jahre immer ab ein unterhaltsamer Kunstgenuss hingegen war es ... das eine Bild, das ich habe gibt es leider nur sehr unvollkommen wieder.

Das Schloss mit Illumination - trotz Einsatz eines Macs leider auf beiden Fassadenhälften nicht ganz synchron.
Das feine Feuerwerk beendete dann einen gar vortrefflich gelungenen Tag an dem es schwer gefallen sein dürfte, nicht auf seine Kosten zu kommen und die Verantwortlichen prügeln die Gäste, wie jedes Jahr, mit den schrillen Klängen einer Jazzband aus dem Schloss, dem Ball und dem Jahrhundert :) ... natürlich nicht, ohne ihnen vorher noch eine Chance zu geben, sich grandios zu blamieren, dabei benehme ich mich doch lieber so, als würde mir der Laden gehören.
Alles in allem also eine phantastische Veranstaltung, die in Worte zu kleiden mir diesesmal nicht so recht gelingen mag, was eigentlich nur für sie spricht :) ... unhistorisch wie eh und jeh dabei aber wieder von einer bestechenden Fähigkeit, den Zeitgeist der Epoche einzufangen und auf diese Weise trotz Mikrofonen (das erste entdeckte ich doch tatsächlich erst auf den Bildern), unseliger Werbeschirme oder moderner Kunstperformance für ein merkwürdig historischunhistorisches Ambiente zu sorgen der Barock war eine Zeit des Umbruchs, in der Neuerungen begierig aufgesogen, regelrecht zelebriert wurden, der aber gleichsam erstarrt war in althergebrachten Ritualen dieser schwierige Spagat gelingt dem Sonnenballteam mit Bravour.

© 2003-2007 Holger Rinke. Letzte Aktualisierung: 20.03.2009