Venezianischer Maskenball in Hamburg 1796/2006

Nun gut, ich gebe es zu, ich habe schwer mit mir gerungen ob ich nun fahren sollte oder - die Strecke war weit, der Aufwand immens, die Leute fielen (aus) wie die Fliegen und Hamburg ist eh ... nunja ... sagen wir mal ... nicht meine Stadt :) - doch lieber das Wochenende in meiner dunklen Kemenate dahinvegetieren sollte. Mein Geiz war bei den abzusehenden Kosten doch heftig, aber wie durch ein Wunder fügte sich plötzlich eins ins andere - ich bekam eine Mitfahrgelegenheit per Auto nach Hamburg, was die Fahrtkosten von 140,- auf 40,- senkte, ich fand ein kleines Hotel in dem mich die Übernachtung mit Frühstück gerade mal 44,- kostete und Augusto konnte mir von Italien aus noch die rechtzeitige Lieferung der Masken einen Tag vor der Veranstaltung zusagen, die Wettervorhersage versprach trockene Luft (und hielt es auch - ich fuhr in Aachen los, als es wie aus Eimern schüttete und kam zurück während es in Strömen goss, dazwischen war Sonnenschein) - also entschloss ich mich kurz vor Toresschluß noch eine Karte zu ergattern - zumal es sicherlich eine nette Gelegenheit währe, mal wieder das Rollenspiel aufzupolieren - schließlich ist der Ball voller LARPis :)

Freitag kamen dann tatsächlich die Masken an und sahen richtig gut aus - da wußte ich, es war die richtige Entscheidung gewesen sich auf den Ball einzulassen :). Samstag also mit Sack und Pack in die Bahn und in Köln (ich war pünktlich!!!) dann zu wildfremden Leuten ins Auto (ja, ich :) ) - wer auch immer lustige Fahrten erleben will sollte wirklich die Mitfahrzentrale nutzen - bei mir saßen zwei Perser, eine PJlerin, die gerade aus Indien wiedergekommen und am nächsten Tag bereits auf dem Weg in die Schweiz war und ein Schauspieler der sich wegen eines Buches mit einem Journalisten traf - da kommt man sich gleich ganz klein und schäbig vor, so als schlichter Grafiker :).

Am Hamburger Bahnhof angekommen ging es weiter zum Hotel - gut, das Taxi währe nicht nötig gewesen, aber konnte ich denn ahnen, daß die Fahrt keine 5 Minuten dauert? Naja, mein schlechtes Gewissen trieb mich dann dazu, Was war sonst noch bis zum Ball? dem Fahrer ein Trinkgeld zu geben, das fast höher war, als der Fahrpreis. Was war sonst noch bis zum Ball? Zimmer klein, aber passend für den Grafen auf der Durchreise, Jürgen arg geknickt, weil er alleine in seinem Sündhaftteuerhotel hockte, noch knapp eine Stunde fürs Umziehen gehabt ...

Heimelig war er, der Ball, vielleicht 80-90 Leute, 3 Räume, der Saal davon aber wirklich wunderschön, eine schicke Bar gabs auch, an welcher der Graf zu später Stunde Cola im Sektglas bekam, damit es nicht zu sehr auffiel, daß er des Alkohols überdrüssig war. Das Ambiente war toll hergerichtet, es gab Spieltisch und Tanzfläche, der barocke Saal war nur von Kerzen beleuchtet und der Consiergé am Eingang überreichte dem Grafen einen Umschlag mit ... nunja, zumindest war der Graf eines seiner drängsten Probleme für diesen Abend los :) ... oder zumindest das, was er für das drängenste Problem gehalten hatte, denn tatsächlich merkte man ihm die Strapazen der langen Kutschfahrt wohl doch an, oder war es der Sprung vom beschaulichen Karpfenteich Aix la Chapelle in das Haifischbecken der hohen venezianischen Gesellschaft, die ihn den Abend hindurch eher Orientierungslos durch die diversen intrigierenden Familien des venedischen Stadtadels stolpern ließ? Unfähig sich auch nur einen der vielen Namen, geschweigedenn deren Beziehungen untereinander zu merken (dabei hatte er sich noch extra einweisen lassen) ist er sich fast sicher auch mit den Gastgebern gesprochen zu haben - nur wissen tut er es nicht :). Auch sonst war er ob der hohen Herrschaften aus der gesellschaftlichen ÜbungAus der gesellschaftlichen Übung - so gelang es ihm an diesem einen Abend ein Sektglas (dies allerdings nur auf den Tisch), eine Gabel, einen Desertlöffel, seine Zecchinen, seinen Gehstock und seinen Hut bis zum Boden zu befördern, das sollte ihm für den Rest des Jahres an Mißgeschicken genügen - da half zur Beruhigung nur noch ein Pfeifchen Virgina-Tabak zwischendurch mit anderen Herren - aber selbst das mochte ihm nicht so recht gelingen an diesem Abend, ging ihm doch seine Langstielpfeife des öfteren schlicht aus ... gerechterweise fand sie ihr verdientes Ende in diversen Stücken auf dem Boden des Ballsaals, aber daran war der Graf glücklicherweise unschuldig. Und so kam es ob all dieser Aneinanderreihungen von ... Peinlichkeiten, gelegentlich unterbrochen von charmanten Damenbekanntschaften, interessanten Herrengesprächen, Tanz und dem besonderen Erlebnis des ungewöhnlichen Scheiterns von Casanova, plötzlich die Nacht weit zur zweiten Stunde fortgeschritten ward - und er es immer noch nicht an den Spieltisch geschafft hatte. Es dauerte noch gut eine Stunde, bis man sich gesammelt und in zusehends lockerer Manier verabschiedet hatte - glücklicherweise war der Weg zurück in das Hotel kaum 100 Meter weit.

War eine schöne Veranstaltung - viel Rollenspiel, einige Atmosphäre, sehr unterhaltsam, selbst wenn man nicht zur eigentlichen Venedig-Truppe gehörte, denn bei den Familienverwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben war mir schlicht nicht möglich - und auch keinem anderen der Zugereisten mit denen ich mich unterhalten hatte - für nicht Eingeweihte ist das halt schwierig und hat es manchesmal schwer gemacht ins (Intime-)Gespräch zu kommen. Man bekam gar nicht mit, wie die Zeit verflog.Die Veranstalter haben sich wirklich viel Mühe gegeben, so daß es leicht fiel, über die nicht verdeckte Stereoanlage im Ballsaal hinwegzusehen :) - das Programm war durchgängig und man bekam gar nicht mit, wie die Zeit verflog. Und auch wenn ich das historische Geld nicht einsetzen konnte, fand ich das eine nette Idee, ebenso wie die kleinen gelben Zettel mit ... Charaktergerüchten, die wunderbare Gesprächsanfänge waren. Alta Danza war auch vor Ort und was einige von denen getanzt haben ... da konnte schon der Neid aufkommen, so gut sah das aus.

Ob ich wieder fahre? Wird sich zeigen - der Aufwand ist wirklich nicht ohne - ich war alles in allem etwa 6 Stunden für eine Strecke unterwegs und das mit Kleidersack, Stock und vollgepackter Tasche, mit lauter Krempel der es übel nimmt, wenn man ihn nicht nett behandelt. Aber Spaß hat es auf alle Fälle gemacht und es juckt schon in den Fingern, wieder einen Abend nach Venedig zu reisen und demonstrativ auf der Durchreise zu sein :)

© 2003-2007 Holger Rinke. Letzte Aktualisierung: 24.12.2006

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