Aachen zu seiner Zeit

1692-1792

1789 brach die französiche Revolution aus und erreichte Aachen 3 Jahre später - das wollen wir dem Grafen vielleicht doch lieber ersparen, so nahe steht er dem Plebs denn wohl doch nicht, um sich gleich mit ihnen zu verbrüdern ;) ... sein Darstellungszeitraum fällt also in den Zeitraum 1692-1792 und wir ersparen ihm so auch die Hungersnöte von 1794 und 1795. Es war in der Region eine äusserst kriegerische Zeit, also seht es mir nach, wenn so oft von Truppenbewegungen die Rede ist.

Eine schöne Zeit - Spätbarock, Rokoko und Spätroko könnte er also erlebt haben. Auch für Aachen eine spannende Zeit - im späten 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 18. Jahrunderts fand das Bäderwesen seinen Höhepunkt. Aachen hatte den Ruf "ein Mordgrub" zu sein.Aachen war eine äusserst zwiegespaltene Stadt - auf einer einen Seite mondäne Badestadt die mit dem gar nicht so fernen Spa um Ansehen rang, in der die hohen Häupter Europas einkehrten, auf der anderen Seite eine Stadt, angefüllt mit den wechselnden Militärs verschiedener Machthaber und immer noch mit den Spätfolgen des großen Brandes von 1656 kämpfend - nicht zu vergessen bewaffnete Banden des Umlandes und verschiedener "politischer Parteien" ... Aachen hatte gleichzeitig den Ruf "ein Mordgrub" zu sein. Es war wohl eine aufregende Zeit, man mußte die Gefahr nicht suchen, man konnte bei einem abendlichen Spaziergang im wahrsten Sinne des Wortes darüber stolpern.

Aachen um 1700.

Aachen war zu seiner Zeit eine demokratische Stadtrepublik - nunja, zumindest nach den Maßstäben der Zeit. Von den etwa 25.000-30.000 Einwohnern waren gerade mal knappe 3000 tatsächlich wahlberechtig. Das politische System stammte aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und war im 18. Jahrhundert entsprechend pervertiert - neben der Bürgermeisterdoppelspitze aus Schöffenbürgermeister (hauptsächlich für Representation) und "vom Volk" gewähltem Bürgermeister (ausübende Macht) welcher jährlich neu und offiziell nicht an zwei aufeinanderfolgenden Jahren gewählt werden dürfte (in der Praxis gab es Bürgermeisterpaare, die im Wechsel teilweise über Jahrzehnte hinweg die Geschicke der Stadt lenkten) gab es noch den "Großen Rat" - den Zunftrat der Stadt. In ihm fehlten allerdings wichtige, nicht wahlberechtigte Zünfte ... und seine Mitgliedsverteilung entsprach nicht einmal Ansatzweise der Realität: Im 18. Jahrhundert hatte die Kupfermeisterzunft noch 12 Mitglieder, die Krämerzunft hingegen 1200 ... beide stellten jeweils 8 Mitglieder des Rates. Beliebt war bei den Bürgermeisterwahlen offensichtlich das MäkelnBeliebt war bei den Bürgermeisterwahlen offensichtlich das Mäkeln - eine Mischung aus Geschenken, Betrug und roher Gewalt um an Stimmen für die Bürgermeisterwahl zu kommen. Das konnten rauschende Feste sein, aber auch unverholene Drohungen ... und nicht selten wurde Politik im wahrsten Sinne des Wortes mit der vorgehaltenen Flinte gemacht. Schmähschriften mit Verleumdnungen aller Art (egal ob wahr oder nicht) über die Kandidaten machten die Runde. Bei solcherlei Vorgehen in der Politik verwundert es nicht, daß es in erster Linie gierige Krämerseelen, die zuvorderst wirtschaftlichen Vorteil aus der Position zogen, in das Bürgermeisteram spülte. Vielleicht sollte der Graf froh sein, über kein Wahlrecht in der Stadt zu verfügen - es bescherte ihm ein relativ ruhiges Leben.

Der große, von einer Bäckerei ausgegangene, Brand von 1656 war ein einschneidendes Erlebnis für Aachen (wie in vielen anderen Städten der Zeit wurden daraufhin Holzhäuser verboten) das gotische Aachen verschwand weitestgehend binnen 24 Stunden von der Landkarte. Dieser Brand muß so stark gewütet haben, daß man sich selbst im benachbarten Burtscheid nicht mehr sicher fühlte und die Abtei dort ebenfalls evakuierte.

Der große, von einer Bäckerei ausgegangene, Brand von 1656Die Patrizierhäuser waren wohl auch schnell wieder aufgebaut. Nicht so die Häuser der Handerker, der kleinen Krämer, die einfachen Wohnhäuser. Das Aachen am Ende des 17. Jahrhunderts bestand dementsprechend aus schlechten, schnell hingemauerten Häusern (von denen kaum eines die Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte), einigen Ruinenflächen und auch nach 30 Jahren noch unbebauten Grundstücken, die vielfach einen ländlichen Charakter vermittelten. Noch 1697 sah man sich zu einem Ratsedikt gezwungen, diese unbebauten Grundstücke bei Enteignungsandrohung zu bebauen - der Zustand der Stadt war sicherlich einer der Gründe, warum Aachen in den ersten Auseinandersetzungen um die spanische Krone (zwischen Frankreich und den Generalstaaten zu denen z.B. die Niederlande zählten) trotz seiner Lage eher eine Nebenrolle spielte - es gelang ihm tatsächlich weitestgehend, seine Neutralität zu wahren - zumindest bis das Rheinlandgebiet 1672 Aufmarschgebiet der Franzosen im Krieg gegen die Generalstaaten wurde und das Reich 1674 Frankreich den Krieg erklährte. Die Stadt blutete in der folgezeit wirtschaftlich massiv aus, so daß man sich 1677 genötigt sah den verbündeten münsteraner Truppen das Quartier zu verweigern - was diese zu einer Belagerung der Stadt und zur Plünderung des Umlandes veranlasste, die erst durch ein Machtwort des Kaisers unterbunden wurde. Jahr daraufs stand der Marschall von Luxemburg vor den Toren und erzwang Quartier für seine französichen Truppen. Aachen war - bis zum Ende des Krieges 1679 besetzt. Lange war Aachen nach dem Frieden von Nymwegen keine Ruhe vergönntLange war Aachen nach dem Frieden von Nymwegen keine Ruhe vergönnt, schon 1681 griff Ludwig im Rahmen der Reunion nach dem Elsas, auch Aachen war wieder gefährdet. Der Konflikt eskalierte allerdings erst 1687, als franzöisch/luxemburgische Truppen in das Rheinland einmarschierten um Köln unter ihre Kontrolle zu bringen. Zwar bildete sich eine große Allianz gegen Frankreich (u.a. Österreich, Spanien, Holland, England und die meisten Fürsten des Reiches) aber der Kaiser überließ (mangels Truppen, es gab wohl wichtigere Beschäftigung für diese) das Maasgebiet sich selbst - er konnte es nicht schützen - was Aachen nicht davor bewahrte, Jährlich 20.000 Gulden in die Kriegskasse zahlen zu müssen. Auf sich selbst gestellt, verhandelte Aachen direkt mit Frankreich und erreichte durch eine jährliche Kontributionszahlung von ebenfalls jährlich 20.000 Gulden einen eigenwilligen Neutralitätsstatus. Dazu kamen noch diverse kleinere Zahlungen um von Einquartierungen durch Freund und Feind verschohnt zu werden (die der Kaiser eigentlich unterbunden hatte, was niemanden der in weiten Bereichen selbstständig agierenden Oberkommandierenden aufhielt). 1695 vollzogen französiche Einheiten einen Coup, wie ihn Dumas nicht besser hätte schreiben können1695 (und damit im frühen Darstellungszeitraum) vollzogen französiche Einheiteh einen Coup, wie ihn Dumas nicht besser hätte schreiben können: Die nur schwach bewachte Kriegskasse der kurbrandenburgischen Truppen (die eigentlich für die Verteidigung des Maas-Rheinlandes zuständig waren) wurde geplündert durch eine kleine Gruppe franzöischer Soldaten, die bei Nacht mit Leitern über die Stadtmauer kletterten, die Stadtwache entwaffneten und den brandenburgischen Kommisar in seinem Quartier überrumpelten. Nun war Geld noch nicht auf Kreditkarten unterzubringen, also "versteckte" man einen Großteil des Geldes bei "hilfreichen" Aachener Bürgern und vergrub einen Teil. Nichts davon war später noch aufzufinden, weder durch die Brandenburgischen noch durch die Franzosen, so mancher Aachener hat sich da wohl seine persönliche Steuerrückzahlung zukommen lassen. Der Krieg dauerte lange und endete erst 1697 - die Stadt war um eine halbe Millionen Gulden ärmer, aber wenigstens ungeplündert.

Im Jahre 1701 brach durch den Tod Karls II der spanische Erbfolgekrieg ausAber nur wenige Jahre später - im Jahre 1701 - brach durch den Tod Karls II (dem letzten spanischen Habsburger) der spanische Erbfolgekrieg aus, und Aachen stand wieder mittem im Zentrum (oder genauer: Einem der Zentren). Zum dritten mal in 30 Jahren kollaborierte der kölner Kurfürst (ein Wittelsbacher, die Bayern waren im Erbfolgekrieg mit Frankreich verbündet - eine Liaisson, die sie wohl letztendlich darum aus dem dynastischen Rennen warf) mit den Franzosen, während die Kölner Stände sich gegen sie stellen. Ein weiteres mal wurden die Rheinlande im ständigen hin und her der Kriegswirren von Freund und Feind verwüstet. Aachen traf es besonders hart - sowohl Franzosen als auch die Reichsstände versuchten Truppen in die Stadt einzuquartieren - Aachen verweigerte es beiden, woraufhin der Kurfürst (auch Herzog von Jülich und damit Vogt von Aachen - die alte Feindschaft aus dem Mittelalter :) ) ein Embargo über die Stadt verhängte. Zwar erreichte die Stadt einen Freibrief von Einquartierungen durch den Kaiser, aber das scherte seine Verbündeten nicht, so wurden ein weiteres mal Armeen - dieses mal holländische Truppen unter englischem Befehl - durch die Stadt versorgt. Dies sah Frankreich als Bruch der Neutralität Aachens an, und verlangte Kontributionszahlungen, um die Stadt zu verschonen und erhielt sie auch. Das Spiel wiederholte sich jährlich bis zum Frieden im Jahre 1715. Ein teurer Spaß für Aachen - zumal sich in der Region nach dem Krieg wieder alles normalisierte, selbst der verbannte Kurfürst Josef Klemmens kehrte in seine Diözäse zurück.

Im Jahre 1731 beherbergte Aachen den Niederrheinisch-westfälischen Kreistag. Aachen hatte sich bereits einen Ruf als Badestadt der Wohlklingenden und Wohlhabenden erworben und ersuchte deswegen im hereinbrechenden Krieg von 1734 (zwischen Karl IV und Ludwig IX um Einfluss auf die Krone Polens) - Im Jahre 1731 beherbergte Aachen den Niederrheinisch-westfälischen Kreistag.umgeben von neutralen Gebieten (Bayern und damit Kurköln und Kurpfalz verweigerten dem Kaiser die Gefolgschaft) - den Kaiser um Neutralität, erreichte diese aber nicht - und ein weiteres mal begann das Spiel um Einquartierung und Kontribution. Aber wohl nicht allzulange - bereits 1736 gibt es lobende Worte über das gesellschaftliche Leben in Burtscheid. Überhaubt scheinen sich Bewohner und Gäste in Aachen von all dem Unbill nicht haben abhalten lassen, einen Lebenstil zu fröhnen, der ihrem Stande aus ihrer Sicht angemessen war.

Es war die Zeit der Bockreiter - einer Räuberbande, die ihn der Maas-Rhein-Ebene ihre Raubzüge durchführte ... nicht daß der Rest von Deutschland da wesentlich hintenangestanden hätte, ganz Deutschland war nach diversen Kriegen und Hungernöten verwildert. Die Bockreiter agierten, im Gegensatz zu vielen anderen Räubergruppen die nur sporadisch auftauchten und schnell gefasst wurden, militärisch organisiert über mehrere Jahrzehnte etwa von 1734-1776. Dies allerdings wohl in mindestens zwei unabhängigen "Banden", zwischen denen einige Jahre Pause lagen. Sie waren durch ihre lange Aktivität nicht nur ein willkommener Der Name "Bockreiter" entstand erst Jahre später in einer Leipziger PublikationGrund für hartes Durchgreifen der Obrigkeit, sondern auch für so manche Legende ein Nährboden - nur ein Bruchteil der Taten, welche ihnen von einer überforderten Obrigkeit zugeschrieben wurden, dürfte tatsächlich von ihnen durchgeführt worden sein. Der Name "Bockreiter", der heute für diese Banden in der Region gebräuchlich ist, stammt allerdings nicht aus ihrer aktiven Zeit sondern wird schriftlich erst einige Jahre später in einer Leipziger Schrift erwähnt.

Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Herrscherhäuser untereinander strebten in dieser Zeit einem ihrer negativen Höhepunkte entgegen - trotz der Konvenienzpolitik der europäischen Staaten, die sich um einen Ausgleich unter den Großmächten bemühten (natürlich ohne Berücksichtung der Bevölkerungswünsche) kommt es immer wieder zu Konflikten - neben dem spanischen Erbfolgekrieg, dem polnischen Erbfolgekrieg und diverser kleinerer dynatischer Scharmützel sah man auch den österreischischen Erbfolgekrieg nach dem Tode Karls IV. Kaiserin Maria Theresia, nur dank pragmatischer Sanktion (welche die Regelung, daß die Nachfolge der erste männliche Erbe antritt ... 1748 - Der Frieden von Aachen wird gemeinhin als Ende der Konvenienzpolitik gesehen es gab keine männliche Nachkommenschaft) in der dynastischen Erbfolge verblieben (selbst aber nicht gekrönte Kaiserin, sondern "nur" Frau des 1745 gekrönten Kaisers Franz Stephan - auch wenn sie die Regierungsgeschäfte führte) - mußte schwer um Ihr Erbe kämpfen ... unter anderem streitig gemacht durch ihren (zukünftigen :) ) Erbfeind Fridrich II, der Schlesien überfiel. Dieser Krieg ging an Aachen weitestgehend vorbei, weswegen man ihn hier eigentlich gar nicht weiter erwähnen müßte - wenn er denn nicht wie alle Kriege irgendwann zu einem Friedensschluß geführt hätte - und zwar 1748 ... in Aachen. Gekrönte Häupter, Unterhändler, Mächtige und ihr Anhang belegten in Aachen die besten Häuser, selbst die letzte Kaschemme war mit irgendeiner Delegation, die sich um die Entwirrung des dynastischen Knotens bemühte, belegt, das gesellschaftliche Leben strebte einem unvergleichlichen Höhepunkt entgegen - der Graf dürfte seine helle Freude gehabt haben ;). Der Frieden von Aachen wird gemeinhin als Ende der Konvenienzpolitik gesehen.

1756 wurde Aachen von einer Reihe von Erdbeben erschüttert die sich über das ganze Jahr hinzogen - viele Aachener vertrauten ihren Häusern nicht mehr und zelteten vor der Stadt - was Diebe dazu animierte die verlassenen Häuser auszurauben. Die Badegäste hielt dies - ganz im Sinne des "Lebe Heute!" des Rokoko nicht im geringsten auf - so herrschte in Aachen in der Redoute ein fröhliches Stelldichein, während gleich daneben Häuser geplündert wurden. Auch ein Krieg stand wieder einmal ins Haus: Dieses (ein weiteres) mal von Kaisern Maria Theresia gegen Friedrich II - Als die Stadt Soldaten schicken sollte, stellte sich heraus, daß weder die Aachener Truppen noch ihr Material auch nur ansatzweise Kampffähig warenals die Stadt Soldaten schicken sollte, stellte sich heraus, daß weder die Aachener Truppen noch ihr Material auch nur ansatzweise Kampffähig waren (etwas, daß die revolitionären Franzosen keine 100 Jahre später ebenfalls feststellen mußten :) ). Aber man bemerkte die neue Zeit: Dieser Krieg wurde zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in den Kolonien geführt. Der Badebetrieb wurde erst nach der Niederlage der (diesesmal verbündeten) Franzosen 1758 bei Krefeld gestört, als diese ihre Verwundeten unter anderem in einige der Bäder verlegten. 1759 wurde Aachen ein weiteres mal Quartierstadt für die Franzosen und diesesmal wurden die Truppen, offensichtlich war der französiche Marschall reichlich angenervt vom zivilen Ungehorsam des Aachener Rates, zwangsweise in die Bürgerhäuser gelegt und von diesen verpflegt. 1760 gab es einen Vorstoß preussicher Truppen über den Rhein, was die Franzosen zunächst zur Flucht, dann aber zum Verteidigungsaufbau veranlasste - allerdings wurde der preusische Vorstoß schon bei Kleve gestoppt. 1762 endete auch dieser Krieg und die französichen Truppen verließen (selbstverständlich ohne die durch sie veruarsachten Kosten zu begleichen) die Stadt.

Neben all dem Kriegswerk verwundert es, daß man in Aachen noch Zeit hatte für allerlei anderes Händel untereinander als auch mit seinem Schutzherren (Jülich diesesmal - nicht der Kaiser :) ) ... dem Geist der Zeit entsprechend allerdings auf wirtschaftlicher Basis wurde hier der alte seit Jahrhunderten schwelende Zwist mit Wonne zelebriert - die Soldaten waren ja anderweitig beschäftigt. So verbot Anfang der 50er Jahre Aachen jülicher Bauern die Arbeit bei aachener Fabrikanten, was Jülich zu einer Sperre der Getreidezufuhr nach Aachen veranlasste - davon unbeeindruckt verschärfte Aachen 1755 nochmals das Verbot. Erst Drohungen der kurfürstlichen Regierung in Düsseldorf nötigten Aachen 1756 zu einer Aufgabe seiner Blockade, da nütze es Aachen auch nichts, daß der Kurfürst dieser Regierung auf Seiten der Stadt stand und dem Vogtmeister eine Einmischung untersagte. Das Spiel wiederholte sich 1760 wo Aachen abermals von der Kornzufuhr abgeschnitten wurde - 1761 wurde gar das Krämern ganz untersagt. Und beide Seiten - sowohl Aachen als auch Jülich gaben sich große Mühe und nutzen jede Gelegenheit, den Händel untereinander und mit Ärger mit dem eigenen Schutzherren ... Streit eskalieren zu lassen ... so wurden letztendlich 1761 zwar die Handelssperren aufgehoben, aber Aachener Ratsherren ward nach wie vor das überschreiten jülicher Grenzen verboten - eine absurde Situation. Und so kam es wie es kommen mußte - 1769 marschierten, trotz eines Verbotes durch den Kaiser, der die düsseldorfer Regierung auf den Rechtsweg verwies und Gewalt untersagte, kurpfälzische Truppen gegen Aachen, um einer Anklage des Rates durch den Vogtmeier von Geyer zu Schweppenburg Nachdruck zu verleihen. Sie verschafften sich, trotz des kaiserlichen Mandates, gewaltsam über das Kölntor Zugang zur Stadt und marschierte vor dem Rathaus auf. Die 2000 Mann wurden nahezu vollständig bei den Mitgliedern des Rates einquartiert um diese zu Gängeln, sie besetzten alle neuralgischen Punkte der Stadt - so z.B. Wachen und alle Stadttore - womit sie ihre Kompetenzen massiv überschritten. Ein Versuch, Bürgermeisterwahlen unter Waffen zu erzwingen scheiterte ebenso wie der Versucht, die Zünfte gegen den Rat aufzuhetzen (was nicht verwundert, bestand der Rat doch größtenteils aus Vertretern dieser Zünfte) - schließlich erreichte der Kaiser ein Einschreiten der Preussen(!) - also der Gegner des Konfliktes kaum 10 Jahre zuvor - gegen die kurpfälzischen Truppen, und alleine die Ankündigung dessen reichte, um diese zum Abzug zu bewegen. Es folgte ein Schiedgericht zwischen Stadt und Vogtei, das sich über viele Jahre hinzog und endgültig 1777 entschieden wurde: In allen Punkten für die Stadt.

1786 eskalierten (ein weiteres mal) das, was man in Aachen "Wahl" nannte - Dauven (zu Ruhm gelangt als Unterhändler Aachens in Wien vor dem Schiedsgericht und seit 10 Jahren Bürgermeister) wurde herausgefordert durch de Loneux, den Sohn des bekannten Bürgermeisters, der Aachen von 1725-1755 regierte, und seine "Neue Partei". Diese entscheidende Auseinandersetzung eines seit einem Jahrzehnt schwelenden innenpolitischen Kampfes hatte alles zu bieten, was die Reichsstadt an Wahlbeinflusssung zu bieten hatte - Bestechungen, Bewirtungen, Trinkgelage (auch Tagsüber) in, wie es ein Zeitgenosse überspitzt formulierte "Jedem Hause der Anhäger der neuen Partei" - je näher der Wahltag rückte, desdo aggresiver wurde die "Neue Partei" - gebrochene Arme, abgerissene Ohren und blutige Kinnladen seien hier nur einmal exemplarisch erwähnt - aber auch Dauven zögerte nicht, seine Mittel einzusetzen. Nichtsdesdotrotz erlangte die "Alte Partei" um Dauven bei der Wahl des Rates die Oberhand - dies führte Umgehend zum Vorwurf des Wahlbetruges durch de Loneux - die Situation eskalierte vollkommens, das Rathaus wurde durch die neue Partei gestürmt und die Ratsmitglieder der alten Partei unter Schlägen aus dem Rathaus getrieben - Verfassung, Ungehorsam gegenüber dem Kaiser und eine neue Zeit ...und wie es so ist ... schnell war ein Pöbel zur Hand, der den Rest erledigte. Dauven wurde im eigenen Haus belagert, legte schließlich sein Amt nieder und flüchtete nach Burtscheid - wo er allsbald Gesellschaft bekam von seinem Bürgermeisterkollegen von Wilre und den Ratsherren seiner "Alten Partei". De Loneux übernahm die Macht in Aachen - und beide Regierungen fühlten sich rechtmäßige Herren, erließen Gesetze, versuchten, Steuern einzutreiben und Recht zu sprechen. Zwar erklährte der kaiserliche Rat in Wien die Chaoswahl für ungültig und setzte dem alten Rat wieder in Amt und Würden ... aber Wien war weit, und so scherte man sich in Aachen wenig um den Erlass. Es wurde durch den rheinisch-westfälichen Kreis eine Kommission eingesetzt, welche die Vorgänge untersuchen sollte, die (wie üblich bei solchen Kommissionen) sehr gründlich und sehr langwierig vorging - 5 Jahre brauchte sie um nichts zu erreichen. de Laneux wurde festgenommen, aber seine Anhänger agierten weiter, so daß es bei der "Doppelregierung" blieb. Die Kommission erarbeitete eine verbesserte Verfassung für Aachen, die auch den Anklang Wiens fand, aber die Aachener Bürger nicht weiter interessierte - sie sprachen dem kaiserlichen Senat schlicht das Recht ab, in Aachen eine Verfassung erlassen zu können und fanden dabei Unterstützung durch ... den Herzog von Jülich(!) - der sogar eine Hundertschaft seiner Soldaten in die Stadt verlegte zu deren Schutze. Die Zünfte erarbeiteten eine eigene Verfassung, die durch den größten Teil der Bürgerschaft gebilligt wurden. Und so spitze sich um 1790 der Konflikt zwischen der Stadt, die jahrzehntelang dem Kaiser die Treue gehalten hatte und dem kaiserlichen Reichskammergericht in Vertretung des Senates merklich zu ... Preussen und Münster wurden ermächtigt, mit militärischer Gewalt gegen Aachen vorzugehen - auch wenn es dazu nicht mehr kam, denn 1792 wurde Aachen durch französiche Revolutiontruppen eingenommen - wenn auch nur kurz ... engültig fiel die Stadt 1794 in revolutionäre Hände, ein neues Zeitalter begann.

© 2003-2007 Holger Rinke. Letzte Aktualisierung: 24.12.2006

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