Back an Forth ...

Auf dem Speicher meiner Mutter habe ich neulich ein paar meiner alten Kisten entrümpelt und bin dabei hierrüber gestolpert ...

Für die Jüngeren unter uns eine kurze Erklärung.
Es gab mal eine Zeit - ihr nennt sie graue Vor-, was ethmylogisch vermutlich vom Grauen davor abstammt, da gab es Schriften für den Schreiberling noch nicht wie Sand am Meer in dem, was ihr heute Internet nennt. Es gab für Normalsterbliche nichtmal das Internet. Das war die Zeit, als man noch wusste, was Typografie war, eine Zeit in der Gestalter jede Schrift hüteten, als gäbe es nicht noch millionen Andere. Freilich hüteten sie deswegen ihre Schriften so, weil es eben nicht millionen Andere gab, denn es war kurz nach dem Bleisatz, einer Zeit, in der die Entscheidung für eine Gestaltung nicht lautete "Was gefällt mir" sondern "Welche Schriften hat die Druckerei" - aber da sind wir eigentlich schon viel zu weit zurück, denn es war lange vor der Zeit von "Mach mal schnell" oder "Ich hätte gerne noch 29384673194867 Alternativen".

Nun, in dieser Zeit, also noch vor Google, genügte es nicht, in welchselbiges "Font, Free" einzugeben um ein paar tausend Schriften angeboten zu bekommen, die nichts kosteten. Nein, man wälzte telefonbuchdicke (schaut die Begriffe Telefon und Buch bitte selbst nach) Kataloge, die damals mehr kosteten, als man heute gewillt wäre, für eine Schrift zu bezahlen, um das Passende zu finden. Freilich war da noch viel Vorstellung vonnöten - denn mehr als ein paar Buchstaben bekam man in den Katalogen selten zu sehen, ob man sie brauchen konnte, dürfte man eher raten als wissen – dafür war man Grafiker, oder Sätzerlein mit Erfahrung. Anschließend bestellte man per Telefon oder Post und richtete sich darauf ein, ein kleines Vermögen zu bezahlen für eine Schrift, von der man hoffte, daß sie zum entsprechenden Projekt passen würde, denn wenn nicht, dann hatte man ein ernstes Problem, das kluge Menschen den prosaischen Worten umschrieben: "Aufgerissene Packungen sind vom Umtausch ausgeschlossen".

Und schon nach zwei schlappen Wochen Lieferzeit - wer nur eine wollte, wer er es eilig hatte, der musste einen Expresszuschlag bezahlen – bekam man etwas, das so oder so ähnlich aussah, wie das was man oben auf dem Bild sieht. Es war die Zeit, in der jede Schrift noch in einer eigenen Verpackung kam. Bunt bedruckt, mit einer Beschreibung des Inhaltes, der die passende Stimmung für diese Schrift vermitteln sollte. Dazu kam dann noch ein Benutzerhandbuch. Jawohl ein Bentuzerhandbuch. Das ist heute selbst bei kompletten Rechnerlieferungen nicht mehr hip, obwohl meist nach wie vor notwendig. Und es kam nicht als PDF, denn kein bezahlbarer Datenträger wäre groß genug gewesen, das PDF zu beherbergen. Sie kam auf Papier. Mehrseitig. In ihm wurde sich nicht nur artig bedankt, daß man zum Produkte gegriffen hat (etwas, das Hersteller heute wohl vollkommen verlernt haben, womöglich schämen sie sich aber auch nur darüber, daß sie schon lange vor Dir wissen, wie minderwertig ihr Kram ist) nein, man bekam auch einen genauen Ablaufplan, wie man die Schrift zu instalieren hatte. Also das was man heute "Doppelklick" nennt.

Die Daten selbst fand man auf einer Diskette. Das ist so eine Art Festplatte. Nur etwas kleiner, als man das heute gewohnt ist. So 1,4MB, wenn alles gut ging - also in etwa die Menge an Platz, die heute jedes Digikambild einer Billigknipse locker übertrifft. Nun, damals haben wir damit ganze Magazine zum Drucker getragen, oder eben Schriften. Mache haben auch Pornobildchen darauf festgehalten, das war aber eher unklever, denn Disketten gingen bei stärkerer Beanspruchung leicht kaputt, deswegen trug man zum Drucker auch immer mehrere Pakete mit denselben Daten, wenn sie Druckdaten enthielten, denn zumindest beim Drucker waren diese erstmal wichtiger, als die Pornibildchen. Die Diskette ist übrigens zeitlich kurz nach der Schallplatte, die ihr nicht mehr kennt, aber vor der CD, die ihr auch nicht mehr kennt, und die so eine Art Vorläufer der DVD ist, das sind die Silberscheiben, die als Unterlage für Euer Colaglas dienen, das direkt nebem dem USB-Stick steht, einzuordnen.

Und wenn man jetzt alles zusammennimmt, dann weiß man auch, wie der Preis zustande kam, den man damals selbst für so eine Allerweltsschrift bezahlte – und der mutet heute, in einer Zeit, in der selbst das Bezahlen aus der Mode gekommen ist nicht nur exorbitant an, nein, er war es auch damals schon, aber eine rechte Wahl hatte man schon seinzereit nicht - dafür konnte man sich relativ sicher sein, daß die Schrift nicht nur Umlaute enthält, sondern auch im Kerning richtig berechnet war ... und da schlagen wir schon wieder den Bogen zur heutigen Zeit. Denn was damals üblich war, nennt man heute "besondere Qualität" - und die kostet immer noch Geld. Meistens jedenfalls. Je nach Deiner krimineller Energie.

Und wer sich nun immer noch fragt, warum das alles auf den Seiten des Zeitreisers steht - nun ich fand es einfach amüsant, heute eine Schrift von Morgen - immerhin das Modernste an Gesellschaftsentwicklung, was diese Zeit zu bieten hatte - in einer Packung von Vorgestern auf einem Datenträger von Gestern zu finden. Eine kleine Zeitreise des Alltags, sozusagen :)

Gelohnt hat sich das alles übrigens nicht - ich bin nie dazu gekommen, den Font zu benutzen, obwohl ich ihn mir damals mit jemand anderem "geteilt" hatte, weil ich, wie immer, nahezu pleite war.

© 2003-2007 Holger Rinke. Letzte Aktualisierung: 09.03.2009

MittelalterSpätmittelalterRokoko